Rohstoffpreise und Rohstoffpreis-Absicherung: Exklusiv-Interview mit Rohstoffexperte Jens Holtmann
veröffentlicht am 12.10.2011 unter Rohstoffeinkauf
Rohstoffe werden immer teurer. Woran liegt das?
JH: Auf den ersten Blick sind nur Angebot und Nachfrage die treibenden Kräfte an den Rohstoffbörsen. Tatsächlich ist es aber ein komplexer Mix aus verschiedenen Faktoren, der dann wiederum die Käufer (Nachfrage) und die Verkäufer (Angebot) beeinflusst.Die Ziele der Marktteilnehmer sind sehr unterschiedlicher Natur. Ursprünglich waren die Rohstoffbörsen der Ort, wo Rohstoffproduzenten und -verarbeiter das Risiko von Preisschwankungen absichern. Heute tummeln sich dort zusätzlich viele Zocker, die mit zig Milliarden die Märkte manipulieren und die extremen Kursschwankungen auslösen.
Das sind vorrangig Hedge-Fonds, Investmentbanken und andere „starke Hände“. Ein paar Zahlen zeigen, was da an den Rohstoffbörsen los ist. Laut dem Wirtschaftsmagazin Foreign Policy betrug 2003 das Volumen an den Rohstofffuturesmärkten rund 13 Milliarden Dollar.
Mitte 2008 war es bereits auf knapp 320 Mrd. Dollar angewachsen - eine Steigerung von 2.300 % in nur 5 Jahren.
Welche Branchen haben besonders schwer daran zu tragen?
JH: Laut einer aktuellen DIHT-Studie leiden 9 von 10 Industrieunternehmen unter den hohen Rohstoffpreisen. Das ist kaum überraschend. Da der Anteil der Materialkosten an den Gesamtkosten in der deutschen verarbeitenden Industrie durchschnittlich bei rund 58 % liegt, ist praktisch jedes produzierende Unternehmen stark von Vormaterial- und Rohstoffpreiserhöhungen betroffen.Im Einzelfall entscheidet jedoch immer die genaue Materialstruktur eines Unternehmens, wie stark es von Rohstoffpreissteigerungen betroffen ist. Wenn ich beispielsweise einen hohen Kupferanteil in meiner Vormaterialstruktur habe und der Kupferpreis steigt stetig, dann hat dies natürlich stärkere Auswirkungen in meiner Kalkulation.
Brauche ich Kupfer nur sporadisch und in kleinen Mengen, fallen selbst starke Preissteigerungen dagegen kaum ins Gewicht.
Wie sinnvoll ist die Rohstoffpreis-Absicherung über Bankprodukte?
JH: Bei börsennotierten Rohstoffen ist das meistens sehr sinnvoll. Hedging ist bei einigen Rohstoffen auch für kleinere Jahresmengen machbar. Der Einkauf, als firmeninterner Spezialist für die Ausgabenseite, muss sich unbedingt mit den verschiedenen Instrumenten der Preis-Absicherung vertraut machen.Der Einkauf muss das Hedging (to hedge = schützen, abdecken, absichern) gegenüber der Geschäftsleitung ansprechen, vorantreiben und einfordern. In den letzten Jahren und in der jüngsten Vergangenheit, haben viele Firmen durch die extremen Rohstoffpreis-Schwankungen viel Geld verloren.
Die unterschiedlichen Absicherungs-Methoden für die Beschaffung sind keineswegs nur für Großunternehmen sinnvoll und machbar. Eine wirklich große Zahl von mittelständischen Einkaufsabteilungen muss hier schnellstmöglich die bestehenden Informationsdefizite beseitigen.
Die Zeiten stabiler Energie- und Rohstoffpreise auf niedrigem Niveau dürften endgültig vorbei sein. Schauen Sie sich die Jahres-Kursverläufe von Rohöl, Kupfer, Aluminium, Zink und Nickel an - auch diese weisen eine extreme Schwankungsbreite (in der Börsensprache Volatilität genannt) auf. Die gewaltigen Kursexplosionen haben so manche Kalkulation „pulverisiert“ und damit auch die erhofften und notwendigen Erträge.
Eine KPMG-Studie aus dem Jahr 2007 zeigt, dass Rohstoffpreis-Absicherungen im Mittelstand tatsächlich unterrepräsentiert sind:
- 93 % der befragten Unternehmen halten Risikomanagement im eigenen Betrieb für wichtig oder sogar sehr wichtig, aber nur
- 49 % verfügen über eine schriftliche Rohstoff-Risikomanagement-Strategie. Etwas aufschreiben ist eine Sache - es zu tun ist eine andere.
Finanzwelt trifft auf Einkaufswelt
JH: Sämtliche Absicherungs-Instrumente für die Beschaffungsseite kommen aus dem „Universum der Finanzen“. Unbekanntes Gelände für viele - zugegeben, aber die Beschaffungsseite ist nun einmal sehr stark mit der Finanzseite des Unternehmens verbunden.Es ist daher fast auch überflüssig zu erwähnen, wie wichtig es in der Rezession ist, die Ausgabenseite und die Liquiditätslage (Stichwort: Working Capital) zu verbessern. Leider kann ich an dieser Stelle die einzelnen Absicherungs-Strategien und -methoden nicht genauer vorstellen sondern nur aufzählen:
- Termingeschäfte, der Klassiker
- Swap
- Forward
- Swaption
- Call, Put
- Cap, Floor
- Collar
Rohstoffpreisabsicherungen sind u. a. für folgende Märkte möglich
JH:- Metalle: Aluminium, Kupfer, Zink, Nickel, Blei, Zinn, Silber, Gold, Palladium, Platin, Buntmetalle, Stahl
- Rohöl & Destillate: Brent/WTI, Diesel, Heizöl, Jet Fuel, Gas Oil, Fuel Oil
- Spezialmärkte: Erdgas, Frachten, Kohle, Strom, CO2
Die 5 großen Vorteile der Rohstoffpreis-Absicherungen
- Erhöhung der Flexibilität, um auf Marktpreis-Veränderungen und die Beschaffungssituation reagieren zu können.
- Erhöhung der Planbarkeit der Beschaffungskosten.
- Fixierung der Unternehmensmargen.
- Wettbewerbsvorteile, wenn Transparenz im Markt steigt und ein Überwälzen der Rohstoffkosten auf Dritte nicht möglich ist.
- Gesetze zur Kontrolle und Transparenz (KonTraG) fordern von der Unternehmensführung gezieltes Risikomanagement
Was können Unternehmen abgesehen davon tun, um mit steigenden Rohstoffpreisen zurechtzukommen?
JH: Neben dem Hedging kommen 10 weitere „Werkzeuge“ in Betracht:1. Die Materialeffizienz steigern: Wenn etwas immer teurer wird, dann sollte es möglichst sparsam eingesetzt werden. Die Deutsche Materialeffizienzagentur (www.demea.de) liefert hier Fakten, die für sich sprechen:
- Während die Arbeitsproduktivität seit 1960 um den Faktor 3,5 stieg, blieb die Entwicklung der Materialproduktivität mit dem Faktor 2 weit zurück.
- Die von der demea durchgeführten 642 Potenzialanalysen zeigen, dass das durchschnittliche Materialeinsparpotenzial bei gut 200.000 € pro Jahr und Unternehmen liegt. Dies bedeutet im Durchschnitt eine Steigerung der Umsatzrendite um etwa 2,4 Prozentpunkte.
- Demea-Studien zeigen, dass eine 20%ige Steigerung der Materialeffizienz bis zum Jahre 2015 realisierbar ist.
3. Weltweite Markt- und Lieferantenanalyse: Erstellen Sie für beide Bereiche eine Risiko-Matrix mithilfe der Portfoliotechnik.
4. Neue Rohstofflieferanten und -quellen finden und testen: Durch intensive Recherche, auch mit externer Hilfe, müssen Sie Ihre Versorgungsbasis erweitern. Es gibt immer Alternativen - wir müssen diese nur finden.
5. Bemühung um langfristige Festpreis-Lieferverträge: Hier zeigt sich, wie ein Lieferant „tickt“. Ist er an der echten Zusammenarbeit mit uns interessiert? Hilft er uns in dieser Marktsituation eine verlässliche Kalkulationsgrundlage aufzubauen?
6. Gemeinschaftlicher Einkauf: Das Mega-Stiefkind der Beschaffung. Über 90 % der Einkaufsabteilungen sind „Einzelkämpfer“. Dabei lohnt sich der Aufbau von Nachfragemacht. Bis zu 10 % Preisvorteil sind möglich.
7. Gute Kaufgelegenheiten nutzen: Der spekulative Gedanke ist im Rohstoffbereich allgegenwärtig. Die Märkte (Kursverläufe an den Börsen) bieten immer wieder gute Kaufgelegenheiten. Lageraufbau bei Kursrücksetzern im Aufwärtstrend, wenn der Trend dann weitergeht, wird richtig Geld verdient.
8. Forschung und Entwicklung verstärken: Die Technik wird von der globalen Marktentwicklung gezwungen, über neue Wege nachzudenken.
9. Ersatzstoffe verwenden/Substitute verwenden: An den Erfolgen, die auf diesen Gebieten konkret erzielt werden, muss sich die Abteilung Technik und Entwicklung messen lassen. Der Einkauf ist in dieser „Nummer“ ebenfalls drin.
10. Wertstoffkreislauf/Entsorgung verbessern: Hier gilt es konsequent die Entsorgungskosten zu reduzieren und die Vermarktungserlöse zu erhöhen.
Welches Potenzial haben interne Maßnahmen bei der Senkung der Rohstoffkosten? Können sie einen substanziellen Beitrag leisten?
JH: Ein klares Ja. Die eben erwähnten Punkte zeigen deutlich, dass kein Unternehmen den Rohstoffmärkten hilflos ausgeliefert ist. Dazu ist es aber notwendig, die alten Trampelpfade zu verlassen und den „Staub der Gewohnheit“ aus den Köpfen zu blasen. Neben der Konstruktion und Entwicklung (siehe obige Punkte 8 + 9) ist hier der Einkaufsbereich besonders gefordert.Er muss durch ein praktisches Preiscontrollingsystem in der Lage sein nicht nur die eigene Beschaffungsseite im Blick zu haben, sondern auch die Entwicklungen auf der Vormaterialseite seiner Lieferanten zu kontrollieren. Zusätzlich muss der Einkauf prüfen können, ob die Höhe einer Lieferanten-Preisforderung überhaupt betriebswirtschaftlich korrekt ist.
Das übliche Feilschen um Preiserhöhungswünsche ist nach heutigem Stand „kalter Kaffee“. Was da möglich ist, zeigt beispielsweise www.lieferanten-preis-analyse.de
Wie weit ist es nach Ihrer Ansicht möglich, steigende Rohstoffpreise an den Kunden weiterzugeben?
JH: Das wird ja seit Jahrzehnten auf breiter Front praktiziert und ist die übliche reflexartige Reaktion auf Materialkostensteigerungen. Untersuchungen zeigen: 2 von 3 Unternehmen wälzen die Preissteigerungen beim Vormaterial schlicht auf den Kunden ab. Um das zu wissen, braucht es allerdings keine Studien.Jeder der einen Lieferantenstamm hat, ist schon vorher zur selben Erkenntnis gelangt. Der Umkehrschluss: Wenn Ihre Lieferanten auf der Beschaffungsseite ihre Rohstoffpreis-Risiken professionell absichern würden, dann wären sehr viele Preiserhöhungsforderungen überflüssig.
In Zeiten wirtschaftlichen Wachstums werden viele Preissteigerungen (zähneknirschend) akzeptiert. Der Laden läuft ja und das beliebte Weiterreichen von (Material-) Kostensteigerungen wird auch in Richtung der eigenen Kunden praktiziert. Fordern Sie deswegen von Ihren Lieferanten, dass diese einen Einkauf auf der Höhe der Zeit installieren.
Bis zum konkreten Beweis des Gegenteils, gehen wir davon aus, dass der Lieferant auf seiner Beschaffungsseite akuten Handlungsbedarf besitzt.








