Wochendepesche "Rohstoffalert"

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18.01.11

Rohstoffe, Edel- und Industriemetalle



Blei: Höchststände bei Preisen und Lagermengen


Die Marktmechanik scheint außer Kraft gesetzt. Da wächst der globale Bleiberg auf über 210.000 t, doch die Preise fallen deshalb nicht etwa - sie wachsen mit! Seit Sommer 2010 haben sie sich fast verdoppelt. Einige Beobachter machen dafür die Flutkatastrophe im Westen Australiens verantwortlich. Die größte Bleimine (85 Tsd. t/Jahr oder 2 % der globalen Bleiproduktion, www.ivernia.com) musste bspw. ihre Produktion einstellen. Anderen Minen geht es ähnlich. Schlüssig sind diese Erklärungen allerdings nicht. Denn
  1. ist der Markt ohnehin überversorgt und
  2. steigen die Preise nicht erst seit der Flutkatastrophe.

Beachten Sie: Als Preistreiber kommt auch nicht der Baltic Dry Index (www.dryships.com/pages/report.asp) in Frage, der gemeinhin als Indikator für die weltweite Wirtschaftentwicklung gilt. Seit Anfang Dezember 2010 ist er nämlich ununterbrochen gefallen. Mit 1.621 Punkten markierte er in der vergangenen Woche den tiefsten Stand seit fast 2 Jahren! Blieben als Erklärung für den Preisfrühling nur die Börsen und Spekulanten übrig. Denn deren Lust, in Industriemetalle zu investieren, ist ungebrochen.

Am Freitagmittag notierte Blei an der LME mit 2.698,50 $/t.

Quelle: GodmodeTrader | Für eine Großansicht auf das Bild klicken


London Metal Exchange (LME)


Ob in London, New York oder Shanghai - an den Warenterminbörsen haben die Metallnotierungen das Galoppieren gelernt. Kupfer wurde bspw. in Shanghai mit über 9.700 $/t so hoch notiert wie zuletzt im Mai 2007. Nickel stieg auf den höchsten Stand seit 3 Monaten und Zink und Blei verbuchten jeweils ein 8-Wochen-Hoch. An der LME sah und sieht es ganz ähnlich aus.

KW 03 KW 02 KW 01 KW 52
Blei 2.698,50 $/t 2.702,00 $/t 2.435,00 $/t 2.465,00 $/t
Zink 2.448,00 $/t 2.445,00 $/t 2.272,00 $/t 2.295,50 $/t
Nickel 25.720,00 $/t 24.870,00 $/t 23.850,00 $/t 24.570,00 $/t
Kupfer 9.621,00 $/t 9.590,00 $/t 9.390,00 $/t 9.409,00 $/t
Aluminium 2.479,00 $/t 2.469,50 $/t 2.401,00 $/t 2.377,50 $/t



Energiemarkt



Erdöl: +10 % in den vergangenen 12 Monaten


Langsam wird es eng. Der Ölpreisanstieg hat den OECD-Staaten bereits rund 200 Mrd. $ gekostet. Doch das könnte erst der Anfang sein, wenn Erdöl die 100-$-Marke dauerhaft überspringt (Sorte WTI). Die dämpfende Wirkung der US-Lagerbestände nimmt mit ihrer schwindenden Höhe (-24,4 Mio. Barrel in den vergangenen 5 Wochen, der stärkste Rückgang seit 2008) nämlich immer mehr ab. Eine weltweit relativ verhaltene Nachfrage nach Öl und ein Lageraufbau von +5 Mio. Barrel in Japan in den letzten 2 Wochen sind da nur ein vergleichsweise schwacher Trost.

Freitagmittag notierte 1 Barrel (159 l) der US-Referenzsorte West Texas Intermediate (WTI) mit rund 90,73 $.

KW 03 KW 02 KW 01 KW 52
WTI-Sorte 90,73 $/Barrel 88,51 $/Barrel 90,95 $/Barrel 90,31 $/Barrel


Erdgas: Die Nachfrage zieht an


Der größte deutsche Gaslieferant E.ON Ruhrgas rechnet mittelfristig zumindest für Europa mit steigendem Verbrauch und steigenden Preisen. Von diesem Kuchen will auch Monopolist GAZPROM etwas abhaben und hat angekündigt, in diesem Jahr wieder so viel zu produzieren wie vor der Krise: 550 Mrd. m³.

KW 03 KW 02 KW 01 KW 52
Henry Hub 4,430 $/mmBtu 4,390 $/mmBtu 4,280 $/mmBtu 4,110 $/mmBtu



Chemiemarkt



Der weltweite Bedarf nach Kunststoffen steigt und steigt


Wäre der globale Kunststoffverbrauch alleiniger Wirtschaftsindikator, stünde die Welt prächtig da. Denn so viele Kunststoffe wie derzeit wurden schon lange nicht mehr nachgefragt. Die Kehrseite der Medaille: Die Preise ziehen wieder an. Traten sie bis Mitte Dezember 2010 noch auf der Stelle, geht es seither wieder aufwärts:
  • Standardkunststoffe: Von zeitlich begrenzten Nachlässen lokaler Anbieter abgesehen, ist die Tendenz eindeutig: Mahlgüter notieren höher, Ballenware bleibt in etwa stabil und Granulate notieren uneinheitlich in einem Bereich von -15 €/t bis +50 €/t.
  • PET: Tiefer in die Tasche greifen müssen Einkäufer auch bei PET. PET-Regranulat wird für durchschnittlich 1.250 €/t angeboten.
  • Technische Kunststoffe: Am stärksten gestiegen sind die Preise für Technische Kunststoffe. Chemieeinkäufer müssen sich auf Zuschläge zwischen 70 €/t und 250 €/t einstellen.

Beachten Sie: Die London Metal Exchange (LME, (www.lme.co.uk) stellt ihren Handel mit PE-LLD und PP Futurekontrakten ein. Letzter Handelstag ist Freitag der 29.04.2011.

Polypropylen Polyethylen
Europa 1.310 $/t (+-0 $/t) 1.400 $/t (+-0 $/t)
Asien 1.310 $/t (+-0 $/t) 1.250 $/t (+-0 $/t)
USA 1.760 $/t (+20 $/t) 1.390 $/t (+20 $/t)
(Veränderungen zur Vorwoche in Klammern)


Preiserhöhungen der Woche


  • vonik Carbon Black GmbH, Tochtergesellschaft von Evonik Industries (www.evonik.com) n Essen hat eine Preiserhöhung um 10 % für den 15. Februar 2011 angekündigt. Verteuern werden sich im Einzelnen:
    • Furnace Carbon Black
    • Lamp Black
    • Gas Black und
    • Thermal Black



Importpraxis



China: Die Abzocke mit den CISF-Fees


Das Kürzel steht für "China Service Import Fee" und ist ein Trick, den sich chinesische Seefrachtdienstleister (meist für Sammelcontainer) ausgedacht haben, um ihre Bilanzen zu verbessern. Je nach Sendung stellen sie Einkäufern zusätzlich zum Beschaffungspreis und den übrigen Kosten (Transport, Bezugsnebenkosten, Zölle usw.) zwischen 30 € (Paket) und 850 € (20 m³) in Rechnung. Hintergrund dieser Abzocke sind stark gefallene Seefrachtraten in China, besonders im Stückgutverkehr (LCL, Less than Container Load). Um dennoch auf ihre Kosten zu kommen, haben die chinesischen Spediteure die so genannten CISF-Fees kreiert.

Beachten Sie: Für diese Gebühren gibt es keine rechtliche Grundlage! Auch in China nicht. Von großen, global agierenden Reedereien wie Hapag Lloyd werden sie auch nicht erhoben.


PRAXIS-TIPP


Aktuelle Schifffrachtpreise ohne Versicherung und Zoll (Guangzhou/China via Hamburg ins Rhein-Main-Gebiet):
  • 20ft Container: 2.950 $
  • 40ft Container (58 m³): 4.450 $
  • 40ft Container (68 m³): 4.550 $
Ihr

Jens Holtmann
Chefredakteur "Rohstoffeinkauf aktuell"
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